Populaermusik Aus Vittula by Mikael Niemi

Populaermusik Aus Vittula by Mikael Niemi

Author:Mikael Niemi [Niemi, Mikael]
Language: deu
Format: epub
ISBN: 9783442731725
Publisher: Btb
Published: 1999-12-31T23:00:00+00:00


KAPITEL 12

- über einen hartgesottenen Sommerjob, einen Feuerhaken auf Abwegen und darüber, was geschieht, wenn man nicht seine Pflicht tut.

An einem grauen, verhangenen Maitag kam ein munterer, magerer Mann aus der Gegend von Korpilombolo nach Pajala gewandert. Er trug einen altmodischen Soldatenrucksack, sein Kopf war wettergegerbt und runzlig wie ein Runenstein mit gestutzten grausilbernen Haaren. In Naurisaho machte er Halt, spähte zu dem bleischweren Himmel hinauf und trank einige Schlucke aus einer Feldflasche. Dann klopfte er an der nächst gelegenen Tür an. Als sie geöffnet wurde, grüßte der Fremde in gebrochenem Reichsfinnisch mit einem exotischen Akzent. Der Mann stellte sich als Heinz vor, deutscher Staatsbürger, und er wollte gern wissen, ob es hier in der Gegend eine unbewohnte Hütte gebe, die möglicherweise den Sommer über zu vermieten war.

Es wurden ein paar Telefongespräche geführt, und bereits am Abend hatte Heinz ein schlecht isoliertes Rauchstubenhaus gleich vor dem Ort bekommen. Die Witwe, die darin gewohnt hatte, war in den letzten Jahren geisteskrank geworden und hatte über den ganzen Boden Blumenerde und Heu gestreut, sodass alles mit kochendem Seifenwasser geschrubbt werden musste, bevor der Deutsche damit zufrieden war. Man trug eine Matratze und Geschirr hinein, stellte das Notwendigste in den Vorratsraum, hängte Gardinen auf und kippte eine Fuhre Holz auf den Hof. Strom konnte gegen einen Aufpreis auf die Miete wieder angeschlossen werden. Heinz lehnte jedoch dankend ab, da es bereits Mai war und elektrische Beleuchtung nicht nötig sein würde, die Nächte würden schließlich bis in den August hinein hell bleiben.

Dagegen würde er gern die Sauna sehen. Sie stand am Waldrand, grau vom Alter und rußig um die Tür herum. Heinz schlug die Tür auf. Atmete tief ein. Ein wehmütiges Lächeln wuchs auf seinem Gesicht, als er den Dampfsaunageruch einatmete.

»Sauna«, murmelte er in seinem exotischen finnischen Akzent. »Ich bin seit mehr als zwanzig Jahren nicht mehr in der Sauna gewesen!«

Und schon am gleichen Abend konnten Niila und ich von unserem Versteck aus sehen, wie er nackt zum Tornefluss hinunterlief, sich zwischen die letzten treibenden Eisschollen warf und halb bis zur anderen Seite hinüberschwamm, bevor er umdrehte und zurückkam. Dann blieb er blaugefroren am Ufer stehen und machte mit zusammengeschrumpeltem Geschlecht gymnastische Hüpfübungen, bevor er wieder in die Wärme hineineilte.

Am nächsten Tag schaffte er sich aus den Beständen des Zolls eine ausrangierte Schreibmaschine an, einen alten Schrotthaufen aus Gusseisen. Er schleppte sie in den Vorraum, saß da und hämmerte stundenlang auf sie ein, mit Blick auf die Wiesen mit ihren keimenden, noch spärlichen Gräsern, und mit den neckenden Flötentönen des Großen Brachvogels in den Ohren.

Aber wer war er eigentlich? Was machte er hier? Bald kursierten Gerüchte über diesen sonderbaren Fremdling im Ort. Es hieß, Heinz wäre SS-Soldat in Finnland während des Krieges gewesen. Dort hätte er Finnisch und die Saunagänge schätzen gelernt. Während des weiteren Krieges war seine Kompanie gezwungen worden, sich vor der finnischen Armee zurückzuziehen, nordwärts durch das finnische Tornedal, wo die wilde Schönheit der Landschaft einen unauslöschlichen Eindruck bei ihm hinterlassen hatte.

Gleichzeitig hatte man alles verbrannt. Es hatte dazu den Befehl gegeben, der Krieg der verbrannten Erde.



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